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Inhaltsverzeichnis

Die Biographie sollte sich einen großen Vorrang vor der
Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses Lebendig darstellt und
zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses lebendig auf jenes
einwirkt. Die Lebensbeschreibung soll das Leben darstellen, wie es an
und für sich und um sein selbst willen da ist. Dem
Geschichtsschreiber ist nicht zu verargen, dass er sich nach
Resultaten umsieht; aber darüber geht die einzelne Tat sowie der
einzelne Mensch verloren. Wollte man die Herrlichkeit des Frühlings
und seiner Blüten nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch
von den Bäumen genommen wird, so würde man eine sehr unvollkommene
Vorstellung jener lieblichen Jahreszeit haben. Und doch hat der
Gärtner das Recht, sein Jahr bloß nach dem zu beurteilen, was ihm
Keller und Kammern füllt. Alles wahrhaft Biographische, wohin die
zurückgebliebenen Briefe, die Tagebücher, die Memoiren und so manches
andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor,
mehr oder weniger wirklich oder im ausführlichen Bilde. Man wird
nicht müde, Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen:
Denn man lebt mit Lebendigen. Die Geschichte, selbst die beste, hat
immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft. Ja man kann
sagen, sie wird immer verdrießlicher zu lesen, je länger die Welt
steht: Denn jeder Nachfolgende ist genötigt, ein schärferes, ein
feineres Resultat aus den Weltbegebenheiten heraus zu sublimieren, da
denn zuletzt, was nicht als caput mortuum liegen
-- Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 1282

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